Der hessische Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer erhob 1963 Anklage gegen 22 Haupttäter unter den Ärzten und Bewachern im Vernichtungslager
Auschwitz. Er wollte nicht nur individuell Schuldige zur Verantwortung ziehen, sondern auch die deutsche Bevölkerung nach Jahren des
Verdrängens aufklären. Er hoffte so, eine öffentliche "Aufarbeitung der Vergangenheit" in die Wege zu leiten. Die Zeitungen schilderten
schlimmste Verbrechen, Brutalität und Kadavergehorsam, dazu die Versuche der Täter, ihre Beteiligung oder gar ihr Wissen um die Vergasungen
zu leugnen. Der Name Auschwitz mit mehr als einer Million Toten wurde so zum Synonym für den Nazi-Unrechtsstaat.357 Zeugen sollten aussagen,
davon 211 Überlebende des Konzentrationslagers. Die meisten waren aus dem Ausland angereist und kamen mit Angst und mit Bedenken. Sie standen
hier zum erstenmal wieder ihren Peinigern gegenüber, dazu kam die Strategie der Verteidiger, durch inquisitorische Befragung die Aussagen der
Opfer in Frage zu stellen – eine Qual für viele. Eine Gruppe von drei Frauen, darunter Emmi Bonhoeffer, bot daraufhin den Zeugen ihre Hilfe an
und kümmerte sich während des Prozesses um sie. Ihnen schloss sich der damalige Student Peter E. Kalb (heute Bensheimer Stadtrat und Vorsitzender
der Geschichtswerkstatt Jakob Kindinger) an. "Zwischen mir und den meisten Zeugen haben sich Beziehungen entwickelt, die weit über den Prozess
hinausgingen und meine Biographie nachhaltig prägten", sagt P.E. Kalb im Rückblick.