R.- G. Lüttgenau über die Gedenkstättenarbeit in Buchenwald und in anderen KZ-Gedenkstätten

Synagoge Bensheim - 10.November 2006

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

wir gedenken heute der Menschen, die Opfer der Verbrechen wurden, die an diesem Tag vor 68 Jahren in Bensheim – und im ganzen damaligen Deutschland - verübt wurden.

Wir haben Veranlassung, dass wir uns erinnern.

Und wir wollen konkret sein, denn wir wissen, wie es dazu kam, wir wissen, wer es tat, und wir wissen, welches Tor der Gewalt damit aufgetan wurde:

Erinnern wir uns:
Das Jahr 1938 hatte bereits vor dem November in Deutschland einen „Sommer der Gewalt“ gesehen. Die Synagogen von München und Nürnberg waren im Juni und August bereits verschwunden, da sie – so die Worte von Julius Streicher – „das schöne deutsche Stadtbild“ entstellten. Gewalt und Gesetz gingen dabei Hand in Hand: Seit dem 17. August mussten alle jüdischen Männer den Vornamen „Israel“, alle jüdischen Frauen den Namen „Sarah“ tragen. Seit dem 5. Oktober 1938 trugen alle ihre Pässe ein großes „J“. Währenddessen wurden jüdische Geschäfte erpresst, um den Arisierungen gegen lächerliche Geldsummen zuzustimmen. Konzerne (IG Farben, Mannesmann, Krupp, Thyssen, Flick), Banken (Deutsche und Dresdner Bank) und korrupte Parteifunktionäre rissen sich unter den Nagel, was sie nur kriegen konnten. Zugleich denunzierten eifrige Bürger Juden und „Judenfreunde“, fleißig wurde von den ehrenamtlich arbeitenden Blockleitern der zu arisierende Wohnraum erfasst.

Und doch war die Naziführung unzufrieden: Sie wollten alle Juden „weg“ haben, einfach „weg“. Von den deutschen Juden war bislang „nur“ ein Fünftel ausgewandert. (In Bensheim war es sogar ein Drittel der Gemeidemitglieder, die ihre Heimat, die ihnen zum Unort geworden war, verlassen hatten.) Doch diese Emigration verlief den NS-Entscheidungsträgern immer noch zu träge. Und gestern vor 68 Jahren, am 9. November 1938, sahen sie die Chance, zu ernten, was sie bislang schon an Hass gesät hatten.

Erinnern wir uns:
Zwei Tage zuvor war Herschel Grynszpan, ein 17jähriger polnischer Jude – seine Familie hatte in Hannover gelebt und war gerade über die Grenze nach Polen abgeschoben worden -  in die deutsche Botschaft in Paris gegangen und hatte auf den diensthabenden dritten Legationssekretär vom Rath geschossen und ihn schwer verletzt.

Der 9. November, der Tag, an dem vom Rath seinen Verletzungen erlag, war für die Nationalsozialisten einer ihrer höchsten Gedenktage. Überall in Deutschland kamen Parteigenossen zusammen, um den 15. Jahrestag ihres Bürgerbräu-Putschversuches von 1923 zu feiern. Und in München selber waren alle Parteiführer versammelt. Die Abläufe des Abends sind genau überliefert: Gegen 19 Uhr erhielt Hitler die Nachricht vom Tode Raths. Nach einer aufgeregten Unterredung mit Goebbels verließ er die Versammlung. Goebbels selber blieb bei den Parteiführern und rief mit einer haßerfüllten Rede zur Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung auf. Die Parteiführer verstanden. „Alles sauste gleich an die Telefone“ heißt es geradezu launig im Tagebuch von Goebbels. Im ganzen Reich werden SA-Leute und Parteiaktivisten zusammentelefoniert und noch in derselben Nacht, der Nacht vom 9. zum 10. November 1938, setzt eine Welle antijüdischer Gewalt ein, die bis zum 11. November Länder, Städte und Gemeinden Deutschlands überzog. Zynisch wurde sie angesichts der zersplitterten Schaufenster jüdischer Geschäfte „Reichskristallnacht“ genannt, später vor allem als das, was es war: Ein Pogrom.

Pogrom, ein altertümlich anmutendes Wort. Und in der Tat: Seit dem Mittelalter war so etwas nicht mehr vorgekommen: brennende Synagogen; zerstörter und geplünderter jüdischer Besitz; gedemütigte, geschlagene und ermordete Juden;. Doch anders als im Mittelalter war hier gar nichts spontan und regional begrenzt. Kommandierte Banden, wie hier in Bensheim, bestimmten das Bild. Wie auf Knopfdruck legten sie los, wüteten wie die Vandalen, legten - wie hier in der Synagoge - Scheiterhaufen aus Mobiliar an, drangen in die privaten Wohnungen ein und warfen die Möbel aus den Fenstern. Zwei Bensheimer Frauen wurden vom entfesselten Mob so drangsaliert, dass sie sich das Leben nahmen. Und dann wurden die Brandschatzungen – wiederum telefonisch - wieder eingestellt und die SS übernahm nun die Regie, kühl und kalkulierend: Über 30.000 jüdische Männer wurden gefangengenommen. Möglichst reich, möglichst gesund. Sie sollten gewaltsam zur Auswanderung erpresst werden.

Erinnern wir uns:
Sie wurden nach Buchenwald, Sachsenhausen oder Dachau verschleppt, wo sie schon mit Platzwunden, Quetschungen und Knochenbrüchen ankamen. In Buchenwald hatte die SS für die fast zehntausend Menschen lediglich fünf (!) scheunenähnliche Baracken errichten lassen. Sie glichen in nichts den bisher üblichen Häftlingsunterkünften: Keine Sanitäranlagen, keine Heizung, keine Fenster. Nur die Enge, beherrscht von Angst und Gewalt. Für 252 deutsche Juden war Buchenwald die letzte Station ihres Lebens. Sie kehrten aus Weimar, der Stadt der deutschen Kultur, nicht mehr zurück.

Die anderen Männer kamen „noch“ „frei“. Was für ein Wort: „frei“. Im Lager verprügelt, gedemütigt - und dazu erpresst, ihr gesamtes Eigentum dem Lagerkommandanten zu überschreiben und mittels der Verwandten ein Ticket zur Ausreise vorzuweisen: nach England, USA, Shanghai. Dann kamen sie „frei“.

Die Nazis waren zufrieden. Niemand hatte sich ihnen in den Weg gestellt. Nicht einmal die Kirchen. Sie sahen nun neue Möglichkeiten für radikale Maßnahmen, die sie mit Bösartigkeit, Lust und Entschlossenheit umsetzten. In diesen Tagen - das Münchner Abkommen, mit dem Hitler sich Teile Böhmens einverleiben konnte, war gerade unterschrieben – scheint am Horizont bereits auf, was die nächsten sechs Jahre Europa überziehen sollte: Die Verbindung von Krieg und Völkermord, die Verbindung des „Totalen Krieges“ mit der Vernichtung der europäischen Juden.

Erinnern wir uns:
Erinnern wir uns, indem wir fragen: Wer hat versagt? „Versagt“ hat nicht Hitler oder Goebbels. „Versagt“ hat auch nicht die Demokratie oder der Kapitalismus. Versagt haben die Menschen.

Ein Häftling, der ein Jahr später nach Weimar kam, Krystian Chwistek, berichtet in einem Brief an die Gedenkstätte: "Am 16. Oktober 1939 haben wir uns auf dem Bahnhof der Stadt Weimar befunden. Ich kann mich deshalb genau erinnern, weil ich in der Jugend ein Buch über Weimar und seine berühmten und angesehenen Gelehrten gelesen hatte. Zunächst dachte ich, hier in Weimar kann Dir nichts Böses widerfahren, aber bald merkte ich, dass ich mich getäuscht hatte. [...] Wir mussten vom Bahnhof nach rechts abbiegend marschieren. [...] An beiden Seiten der Strassen standen Massen von Menschen - Männer, Frauen, Kinder -, die uns mit Steinen bewarfen, uns als polnische Schweine beschimpften. Mein Herz wurde immer verzagter, als ich die bösartigen Menschenmassen sah, die uns Überfallene, Gequälten und Geschlagenen bedrohten." Soweit Krystian Chwistek

Für ihn war die Lage nicht nur aufgrund des elektrischen Stacheldrahtes der Konzentrationslager aussichtslos, sondern weil er sich mitten im deutschen Volke befand. Jeder Gedanke an Flucht war unsinnig, da ihm nicht nur die SS das Menschsein aufgekündigt hatte, sondern auch diejenigen, die ansonsten von sich sagten, doch nur ihrem Tagewerk nachzugehen. Gab es von der SS schon kein Entkommen, so gab es bei den zahllosen NSDAP-Blockleitern und HJ-Führern im Deutschen Reich kein Durchkommen. Es zwang sie niemand, und doch machten sie Meldung - und hielten das für anständig. Es war ihr Schweigen, ihr Wegschauen, ihr Mittun, ihr Funktionieren, ihr Noch-nicht-einmal-anständig-Sein, das es erst ermöglichte, Menschen nicht nur als Untermenschen zu sehen, sondern auch so zu behandeln. Willenlos hatten sie die Verantwortung für ihr Menschsein abgegeben. Kein Wunder, das sie es verloren. Sie haben versagt.

Erinnern wir uns:
Eigentlich war etwas sehr simples verloren gegangen, nämlich, das Wissen, was man tut, bzw. was man nicht tut, nicht tun darf, unter keinen Umständen. Anders ausgedrückt: die zivilisatorischen Grundwerte waren erodiert, das Wissen darum, wie man sich als Mensch zum Menschen verhält.

Mit dem Novemberpogrom zeigte sich die Konsequenz eines Weltbildes, in dem geleugnet wurde, dass Juden aufgrund ihres angeblichen Blutes, ihres angeblichen kulturellen Andersseins, Menschen sind. Mit dem Novemberpogrom wurde endgültig offensichtlich, was es heisst, wenn Menschen zu Unmenschen erklärt werden: Sie fallen heraus aus der Solidargemeinschaft des Menschen mit dem Menschen. Es ist der erste Schritt zum Völkermord.

Erinnern wir uns:
Das Herz von Krystian Chwistek verzagte nicht bei seiner Festnahme und es verzagte nicht bei seinem Transport durch die SS nach Weimar. Es verzagte, als die Menschen sich von ihm abwandten. Erst jetzt war er allein, erst jetzt war er der Brutalität der SS ausgeliefert.

Und insofern ist es eigentlich ganz einfach:
Wenn wir uns als Menschen ernst nehmen wollen, müssen wir zeigen, wofür wir einstehen und was wir nicht hergeben werden. Unter keinen Umständen. Es mag Einschüchterungen, es mag markige Auftritte jugendlicher Neonazigangs geben. Und natürlich gibt es kulturelle Unterschiede. Doch wenn Menschen per se aus einer Gemeinschaft ausgestoßen werden sollen, geht es ums Ganze. Dann werden die Grundlagen des Zusammenlebens einer Gesellschaft in Frage gestellt. Und wir, sie, ich, sind aufgerufen – egal wie wir uns ansonsten in unserer Gesellschaft streiten, sei es um Sozialbeiträge, Umweltschutz oder Theaterzuschüsse – dann sind wir aufgerufen, die grundsätzliche Solidarität des Menschen mit dem Menschen zu verteidigen.

Damit zeigen wir nicht nur, dass wir für andere einstehen und dass wir Respekt voreinander haben. Wir zeigen, dass wir unsere Verantwortung, die wir per se als Teil einer Gemeinschaft haben, auch übernehmen. Und wir zeigen auch, dass wir Respekt vor uns selber haben, haben wollen. Denn ohne diese Verantwortung werden wir ihn verlieren, den Respekt vor uns selber. Wie soll ich Respekt vor mir selber haben, wenn mein Schweigen die Gewalt gegen andere erst ermöglicht?

Jakob Kindinger konnte diesen Respekt haben: Selbst im KZ Buchenwald sagte er das schöne  und einfache Wort „Nein“, als die SS im befahl, seine Kameraden zu verprügeln. Und er half den Zeugen Jehovas, die wahrlich nicht seine politischen Ansichten teilten. Einfach weil sie ihm Menschen waren.

Wie gesagt, eigentlich etwas sehr Simples, aber an diesem Ort, an dem vor 68 Jahren diese simple Solidarität des Menschen mit dem Menschen so offensichtlich aufgekündigt wurde, lohnt es sich, daran zu erinnern, dass das Simple und Notwendige leider nicht selbstverständlich ist.

Meine Damen und Herren,
Wir haben Veranlassung, dass wir uns erinnern. Wir haben Veranlassung, der Opfer zu gedenken. Und es ist gut, dass sie gekommen sind.

Vielen Dank

Rikola-Gunnar Lüttgenau
Stellv. Direktor
Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora