Gedenken: Am Standort der ehemaligen Synagoge an Pogromnacht von 1938 erinnert / Rechtsextremismus in "Mitte der Gesellschaft"

"Judenfeindliches Gift" wirkt weiter
Bensheim. An dem Platz, wo Bensheimer Nationalsozialisten in den Morgenstunden des 10. November 1938 die Synagoge in Brand steckten, versammeln sich seit etlichen Jahren am Jahrestag der Brandlegung wiederum Bensheimer Bürger, die nicht wollen, dass die Schandtaten und Verbrechen der Nationalsozialisten in Vergessenheit geraten.

Ins Foyer der Anne-Frank-Halle hatten die Geschichtswerkstatt Jakob Kindinger e.V. und die Stadt Bensheim zu einer gemeinsamen Gedenkveranstaltung eingeladen. Neben anderen, politisch interessierten Menschen nahmen auch zahlreiche Vertreter der im Stadtparlament vertretenen Parteien teil, an ihrer Spitze Bürgermeister Thorsten Herrmann und Stadtverordnetenvorsteher Franz Treffert.

"Müssen darüber sprechen"
In der Feierstunde am 10. November wird alljährlich der Mitbürger gedacht, die aus Antisemitismus und Rassenwahn während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ermordet wurden oder schreckliches Leid erfahren mussten.

Bürgermeister Herrmann sprach sich mit Nachdruck wider das Vergessen der Gräueltaten, der Täter und Opfer aus: "Wir müssen darüber sprechen." Herrmann zitierte den deutschen Philosophen Theodor W. Adorno, wonach die Menschen ihr Denken und Handeln so auszurichten haben, dass sich Auschwitz nicht wiederholt.

Mit Unverständnis und Scham begegne man heute nicht nur denjenigen, die aktiv an den Verbrechen mitgewirkt hätten, sondern auch jenen, die dabeistanden und wegsahen. Die Demokratie müsse sich jeder Form des Antisemitismus widersetzen: "Wir sehen nicht weg!", appellierte er an die breite Gesellschaft, sich einzumischen.

In seiner Gedenkansprache machte der Erziehungswissenschaftler Professor Dr. Dietfrid Krause-Vilmar schmerzlich deutlich, dass es keinen Führerbefehl "von ganz oben gab", mit Gewalttaten und Exzessen gegen die jüdische Bevölkerung vorzugehen und in der "Reichskristallnacht" Synagogen abzufackeln:
"Die Mitwirkenden und Täter kamen aus der gesellschaftlichen Mitte heraus. Die Initiative ging von unten aus."

"Kein deutlicher Trennungsstrich"
Schon lange vor dem Attentat von Herschel Grünspan auf den deutschen Diplomaten Hans vom Rath in Paris - das den Nationalsozialisten als Vorwand für die Novemberpogrome gegen jüdische Synagogen galt - , habe es regionale und lokale judenfeindliche Initiativen gegeben. Dies alles sei nur möglich gewesen, weil Ämter und Behörden, private und öffentliche Institutionen Hand in Hand arbeiteten.

Viele aus der Bevölkerung hätten mit Zustimmung, Schweigen oder aktivem Mitwirken reagiert: Rohe Gewalt, Terror, Zerstörungswut - so beschrieb der Wissenschaftler die antijüdischen Pogrome. Als Schwerpunkte der Brandschatzung nannte er Kassel und mehrere kleine Orte in Nordhessen. Dort habe es Ausschreitungen, Plünderungen und Brandstiftungen bereits vor dem 8. November gegeben.

Bis zum heutigen Tag kann Dr. Krause-Vilmar keinen "deutlichen Trennungsstrich" der Deutschen gegenüber Rassismus und Judenfeindlichkeit erkennen. Die Gesellschaft nach 1945 habe das in ihren Poren festsitzende "judenfeindliche Gift" nicht ausschütten können. Eine wirkliche Aufarbeitung habe nicht stattgefunden. Rechtsextremismus ist kein Randphänomen. Es ist vielmehr in allen gesellschaftlichen Gruppen in unterschiedlichen Ausmaßen vertreten.

"Rechtsextremismus ist ein politisches Problem der Mitte." Mit diesen Aussagen konfrontierte Peter E. Kalb von der Geschichtswerkstatt Jakob Kindinger e.V. die Besucher der Gedenkveranstaltung.

Wer Rechtsextremismus bekämpfen wolle, müssen den Blick vom Rand der Gesellschaft in die Mitte lenken: "Neonazis gehören heute zur Realität", zitierte Kalb zitierte eine Schlagzeile der Frankfurter Rundschau.

Erschreckende Umfrage
Eine Umfrage habe ergeben, dass der Anteil der Bevölkerung, der sich nicht klar gegen Rechtsextremismus ausspricht, "erschreckend groß ist".

Das Gitarrenduo "Molwert" - Edgar Illert und Hans-Willi Ohl - begleitete die Gedenkveranstaltung am Standort der ehemaligen Synagoge, am Bendheim-Platz, musikalisch.

Unterstützt wurde die Feierstunde vom Auerbacher Synagogenverein. gs

Bergsträßer Anzeiger
12. November 2009

Peter E. Kalb
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