Gedenkfeier - Jahrestag der Synagogenzerstörung

Am 10. November 2005 um 18 Uhr findet die jährliche Gedenkfeier zur Erinnerung an die Zerstörung der Bensheimer Synagoge am Mahnmal in der Nibelungenstraße auf dem Gelände der ehemaligen Synagoge statt. Auf der von der Bensheimer Geschichtswerkstatt Jakob Kindinger e.V. zusammen mit der Stadt Bensheim vorbereiteten Veranstaltung spricht diesmal PD Dr. Georg Lilienthal, Leiter der Gedenkstätte Hadamar. Die musikalische Umrahmung hat Bernhard Köhler und ein Gitarrist übernommen.

Unmittelbar nach der Gedenkveranstaltung wird Dr. Lilienthal im Haus am Markt ab 19 Uhr in einer öffentlichen Vortrags- und Diskussionsveranstaltung der Geschichtswerkstatt Jakob Kindinger e.V. über die Geschichte der psychiatrischen Anstalt in Heppenheim im Dritten Reich unter dem Titel "Von Heppenheim nach Hadamar. Wege in den Tod und Formen des Gedenkens" referieren.

Geschichte der Anstalt Heppenheim im Dritten Reich

Die Nazis erklärten das vor allem von Ärzten schon lange vor 1933 entworfene Konzept der Rassenhygiene zur Staatslehre und setzten die angedachten Maßnahmen mit blutiger Konsequenz in die Tat um: Zwangssterilisationen, eine Politik der überfüllten Heil- und Pflegeanstalten und die "Euthanasie"-Morde waren die Stationen auf diesem Weg. Vor allem die staatlichen Einrichtungen waren in diese Vernichtungspolitik eingebunden.Wenige Monate nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" erlassen. Es ermöglichte die Zwangssterilisierung von nahezu 400.000. Darunter befanden sich auch Patienten aus der Anstalt Heppenheim, deren Anzahl aber unbekannt ist.

Um eine drastische Kosteneinsparung zu erzielen, wurden seit Mitte der 1930er Jahre Patienten, die außerhalb der Landes- oder Provinzgrenzen sowie in kirchlichen und privaten Einrichtungen untergebracht waren und deren Kostenträger die öffentliche Hand war, in staatliche Anstalten ihrer Heimatregion zurückverlegt. Die dadurch bedingte Überfüllung der Anstalten bei gleichzeitiger Senkung der Verpflegungssätze und unverändertem Personalstand beeinträchtigte nachhaltig die Gesundheit der Patienten. Ihr Ausmaß ist an dem Anstieg der Sterberaten ablesbar. In Heppenheim erhöhte sich die Sterberate von 4,1 Prozent im Jahr 1935 bis 7,2 Prozent im Jahr 1939.

Die Einbindung der Anstalt Heppenheim in die zentral gesteuerte "T4"- Gasmordaktion (benannt nach dem Sitz der Zentrale in Berlin, Tiergartenstr. 4) erfolgte im Sommer 1940, als für die Patienten Meldebögen ausgefüllt werden mussten, mit deren Hilfe dann in Berlin die Opfer ausgewählt wurden. Zwischen März und Mai 1941 wurden 240 Heppenheimer Patienten in die Tötungsanstalt Hadamar verlegt. Sie starben alle in der Gaskammer. Unter ihnen befanden sich auch vier Kranke aus Bensheim. Zuvor waren 67 jüdische Patienten in einer Sonderaktion am 4. Februar 1941 nach Hadamar transportiert worden. Sie stammten aus hessischen und südwestdeutschen Anstalten und waren wenige Tage zuvor in der Anstalt Heppenheim zusammengezogen worden.


Die Gedenkstätte Hadamar, die von PD Dr. Georg Lilienthal geleitet wird, ist sowohl ein zentraler Ort des Gedenkens an die "Euthanasie"-Opfer des Nationalsozialismus als auch ein Ort der historisch-politischen Bildung mit unterschiedlichen pädagogischen Angeboten und Veranstaltungen. des Lernens und des kritischen Hinterfragens. In ihrer Arbeit verknüpft sie historisches Wissen mit aktuellen Problemstellungen. Ziel der Gedenkstättenarbeit in Hadamar ist es, zu informieren und die Erinnerung wachzuhalten, Mechanismen aufzudecken, welche die Unterdrückung und Ausgrenzung von kranken und behinderten Menschen ermöglichten und förderten. Zugleich will die Gedenkstätte vor allem auch junge Besucher für Diskriminierungs- und Ausgrenzungstendenzen in unserer Gesellschaft. sensibilisieren, indem sie danach fragt, wie wir heute mit Kranken und Menschen mit Behinderungen umgehen.

"Wir wollen bei der jährlichen Gedenkfeier auf dem Gelände der ehemaligen Bensheimer Synagoge aller Opfergruppen der Nationalsozialisten gedenken", so Peter E. Kalb vom Vorstand der Geschichtswerkstatt Jakob Kindinger e.V.