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  Das Gerichtsverfahren

27.3.2004 | 21:55 - 22:25

Völkermord vor Gericht - Vor 40 Jahren begann mit dem Frankfurter Auschwitz-Prozess die Auseinander- setzung mit dem Holocaust

Bericht: Christine Rütten
 

Heute spielt im Frankfurter Bürgerhaus Gallus eine Theatergruppe. Vor
40 Jahren, von April 1964 bis zum Mai 1965, tagte dort der größte Schwurgerichtsprozess in der deutschen Geschichte: der Auschwitz-Prozess. In einem Sammelverfahren standen 22 ehemalige SS-Angehörige des KZ Auschwitz vor Gericht. Nach langjährigen Ermittlungen waren sie angeklagt, Teil der Vernichtungsmaschinerie gewesen zu sein und planmäßig Mord und Folter begangen zu haben.

Die auf Tonband aufgezeichneten Aussagen von 357 Zeugen vermittelten aller Welt ein authentisches und detailliertes Bild von der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Der Auschwitz-Prozess veränderte die junge Bundesrepublik. Schriftsteller und Intellektuelle wie Peter Weiss und Martin Walser begleiteten damals das Gerichtsverfahren.

"Hauptsache Kultur" hat Zeitzeugen getroffen und fragt nach: Was hat der Auschwitz-Prozess wirklich im Bewusstsein der Deutschen verändert?
 

Text des Beitrags:

Jehuda Bacon, Professor für Malerei aus Jerusalem. Vor rund vierzig Jahren war er schon einmal in Frankfurt, als Zeuge im Auschwitz-Prozess. Jehuda Bacon verbrachte seine Kindheit im Konzentrationslager Auschwitz. Nach Deutschland kam er damals mit gemischten Gefühlen, aber auch mit großen Hoffnungen: "Ich wusste", erinnert er sich, "jetzt ist eine neue Generation, die versucht wirklich, eine Brücke zu schaffen zwischen dem, was war, und der Zukunft. Und daran wollte ich mitarbeiten im besten Sinne.Das Gericht tagte seit April 1964 im Gallus Haus."

Der Prozess - für Jehuda Bacon hatte er etwas Surreales. Nun saßen die Täter von damals auf der Anklagebank, ohne Uniform, ohne Macht ... Am 30. Oktober 1964 sagte Jehuda Bacon aus.

Aus der Vernehmung Jehuda Bacon am 30.Oktober 1964:
Nebenklagevertreter Ormond: "Dann Herr Zeuge, welche Ihrer Familienmitglieder haben sie verloren?"
Zeuge Jehuda Bacon: Meine..."
Nebenklagevertreter Ormond: "Mit wem sind Sie gekommen, wie Sie nach Auschwitz kamen?
Zeuge Jehuda Bacon: "Mit meinen Eltern und mit meiner Schwester. Aber ich hatte noch eine Tante, und die hatte zwei Kinder, und viele andere Cousins."
Nebenklagevertreter Ormon: "Und wer ist von denen zurückgekommen?"
Zeuge Jehuda Bacon: "Nur ich."

Erster Schritt zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit

Jehuda Bacon ist in Frankfurt, um die Austellung über den Auschwitz-Prozess zu sehen. Bis heute ist ihm unbegreiflich, dass die Täter noch 20 Jahre danach jede Verantwortung leugneten. Aber der Auschwitz-Prozess war ein erster Schritt der Deutschen, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusezten.

Jehuda Bacon: "Der Prozess gab Material und jeder nach seinen Möglichkeiten, der dieses Material irgendwie bekommen hat durch Fund oder durch Television oder irgendwie, hatte die Möglichkeit, darüber nachzudenken und angesprochen zu werden."

Versuche, den Prozess zu verhindern:

Tausende kamen im Laufe des Prozesses als Besucher in den Gerichtssaal. Aber wie sehr fühlte sich die Mehrheit der Deutschen wirklich angesprochen? Die Bereitschaft, sich der Wahrheit von Auschwitz zu stellen, war gering. An die Stimmung und an die Widerstände kann sich Heinz Düx gut erinnern. Er war damals Untersuchungsrichter. Versuche, den Frankfurter Auschwitz-Prozess zu verhindern, gab es auch von seiten der Justiz. Um großes Aufsehen zu vermeiden, solle Heinz Düx den Prozess in einzelne Verfahren zerlegen. Das wäre doch eine Arbeitsentlastung.

Heinz Düx: "Mir war natürlich klar, dass diese Anteilnahme an meiner Arbeitslast nur ein vorgeschobenes Argument war, um eben zu vermeiden, dass ein solch umfassender Prozess, der die Strukturen des deutschen Vernichtungslagers aufzeigt, vermieden werden sollte."

Am Ende blieb den Deutschen das Aufsehen erregende Verfahren nicht erspart. Täglich berichteten Journalisten vom Prozessgeschehen. Wer wollte, konnte die grausamen Details von Auschwitz nachlesen. Eine Umfrage Ende 1964 ergab jedoch: Noch immer hatten 40 Prozent der Deutschen nichts vom Prozess gehört. Ein Teil der jungen Generation begann zwar Fragen zu stellen, aber die meisten wünschten sich einen Schlussstrich.

"Mein Staat hat die industrielle Ermodrung durchgeführt."

In Bensheim Auerbach liest der Jugendbuchautor Klaus Kordon aus seinem neuen Buch "Julian", die Geschichte zweier Jungen, die 1945 ins Lager Buchenwald kommen. Peter Kalb von der Geschichtswerkstatt hat die Lesung organisiert. Während des Auschwitz-Prozesses betreute er damals Zeugen. Das hat sein Leben verändert.

Peter Kalb: "Mir ist klar geworden, was mit dem Wort Zivilisationsbruch gemeint ist. Mir ist klar geworden in dem Prozess, das waren nicht sozusagen normale Verbrechen, sondern es war ein ganzer Staat, mein Staat, in dem ich aufgewachsen bin, in dem ich die Sprache erlernt habe, der von Staats wegen die industrielle Ermordung der Juden nicht nur geplant, sondern auch durchgeführt hat. Und das, finde ich, ist das Prägendste und Einschneidendste, wenn man sich das klar macht."

Als Jehuda Bacon vor 40 Jahren in diesem Saal seine Aussage machte, hoffte er, das Bewusstsein zu wecken, was Hass im Menschen auslösen kann. Darüber nachzudenken waren viele Deutsche damals noch nicht bereit.

Jehuda Bacon: "Das kann man verstehen, denn es war noch eine kurze Zeit nach dem Krieg. Aber ich denke, die heutige Generation, die ist schon befreit von jener Zeit und kann selbständig denken und hat nicht dieses Schuldbewusstsein, sie können die Verantwortung für eine bessere Zukunft auf sich nehmen."

Selbstverständlich ist das Bewusstsein um Auschwitz auch 40 Jahre nach dem Prozess nicht. Das wissen die überlebenden Zeugen, die in diesen Tagen wieder in Frankfurt sind.

Die Ausstellung:

Auschwitz-Prozess
4 Ks 2/63
Frankfurt am Main

Historisch-dokumentarische Ausstellung
zum Frankfurter Auschwitz-Prozess
mit internationaler zeitgenössischer Kunst
Eine Ausstellung des Fritz Bauer Instituts, Frankfurt

28. März 2004 bis 23. Mai 2004

Haus Gallus, Frankenallee 111
60326 Frankfurt am Main

Di. bis So. 10.00–18.00 Uhr
Do. 10.00–20.00 Uhr

Eintritt: € 5,– / ermäßigt € 3,–
Ermäßigung für Schulklassen auf Anfrage