| 08.11.02 ...Gedenkveranstaltung auf dem Gelände der ehemaligen Synagoge in Bensheim | ||||||||
Aus der Ansprache von Peter E. Kalb, Geschichtswerkstatt
Jakob Kindinger e.V.: "Meine sehr verehrten Damen und Herren, seit 26 Jahren veranstaltet die Geschichtswerkstatt
Jakob Kindinger e.V. , zu Beginn unter dem Namen "Gewerkschafter
gegen Faschismus", jeweils zum Jahrestag der Synagogenzerstörung,
die in Bensheim am 10. November stattfand, eine Gedenkveranstaltung.
Dies wird das Thema von Professor Ahlheim sein, der
in diesem Jahr die Gedenkrede übernommen Der diesjährige Nobelpreisträger Imre Kertesz ist ein Überlebender von Auschwitz. Der in Berlin lebende Ungar fühlt sich im Exil in Deutschland. Weil es in Ungarn keine offene Auseinandersetzung gegeben habe - so meint er -, herrsche dort heute ein Schweigekartell, eine Verdachtskultur: "Es herrscht offener Antisemitismus. Erklärte Nazis, aggressive Nationalisten treten in den Medien auf, sind nicht so fein wie Herr Walser. Es ist beinahe so ekelhaft wie in den späten dreißiger Jahren."( DIE ZEIT, 17. Oktober 2002). Der bei uns lebende ungarische Literaturnobelpreisträger ist ein sensibler Beobachter. Gefragt, ob es in Deutschland einen neuen, modernen Antisemitismus gebe, sagt er: "Ja, ich nehme das so wahr. Bei den Wahlen zum Deutschen Bundestag war das ganz klar, es gab eine neue antisemitische Sprache. Man gibt vor, Israel zu kritisieren, aber man erkennt sofort, dass es nicht um Israel, sondern um Antisemitismus geht." (Zeit, 18.10.02) Der moderne Antisemitismus, der sich bei uns zeigt, hat seine Entsprechung in den Einstellungen der Bevölkerung und wird in empirischen Untersuchungen sichtbar. Der Politologe Oskar Niedermayer hat im September 2002 an den Uni's Leipzig und FU Berlin Ergebnisse einer Befragung von jeweils 1000 Ost- und Westdeutschen vorgestellt (FR, 6.9.02). Ein Schlaglicht daraus:28 Prozent der Befragten bejahten die Aussage, "der Einfluss der Juden ist zu groß". Einen "dramatischen Zuwachs der Zustimmung" zu dieser Aussage auf 31 Prozent habe es in Westdeutschland gegeben, nach nur 14 Prozent in einer anderen Untersuchung vor vier Jahren. An dem Ort der zerstörten letzten Bensheimer Synagoge erinnern wir an die Pogrome im November 1938. Ohne den Antisemitismus damals wäre die Aussonderung, Verfolgung und Ermordung der Juden sicher nicht möglich gewesen. Es gibt keinen Anlass, im Jahr 2002 den
Antisemitismus in Deutschland mit Gelassenheit zu betrachten. Man stelle
sich vor: vor wenigen Tagen, als in einer öffentlichen Veranstaltung
in Berlin eine von den Nazis umbenannte Straße wieder zurück
in "Jüdenstraße" geändert werden sollte, kamen
aus der Menge Rufe: "Juden raus!" Dies vor wenigen Tagen,
im Deutschland des Jahres 2002, nicht heimlich und anonym, sondern in
einer öffentlichen Veranstaltung ! Jetzt ist wohl zum ersten Mal
der sonst im Verborgenen sein Unwesen treibende Antisemitismus, der
die Nacht braucht , um Friedhöfe zu schänden oder Synagogen
und Gedenkstätten anzustecken, an die Öffentlichkeit getreten.
Laut und deutlich - und übrigens unbehelligt." |