| 08.11.02 ...Rede Dr. Fritz Kilthau |
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GEDENKVERANSTALTUNG DER GLB AM 17.November 2002 Meine Damen und Herren, liebe Freunde, in ganz Deutschland trauern Menschen an diesem so genannten
"Volkstrauertag" um ihre Angehörige, Bekannte und Freunde,
die während der 12jährigen nationalsozialistischen Gewaltherrschaft
als Verfolgte und Opfer, aber auch als Soldaten ums Leben gekommen sind.
Man kann sehr gut verstehen, dass selbst nach einer so langen Zeit noch
Trauer herrscht bei den Familien der Betroffenen. Aber, ich denke, dieses
Gedenken darf sich nicht nur auf die Trauer um nahe stehende Personen
beschränken, sondern es muss gleichzeitig gefragt werden: Wie konnte
es dazu kommen, dass weltweit 50 Millionen Menschen durch das barbarische
Hitler-Regime ums Leben kamen? Was können wir heute tun, um solche
Verbrechen gegen die Menschheit zu verhindern? Was können wir heute
generell dazu tun, um Vorurteile gegen Menschen anderer Religionen,
anderer Nationalitäten oder anderer Hautfarben abzubauen? Die Forscher unterstützen mit ihrer Untersuchung auch die These, dass ein wesentlicher Grund für diese menschenfeindlichen Einstellungen und diskriminierenden Verhaltensweisen Ängste hinsichtlich der materiellen und sozialen Absicherung der Befragten ist. Fazit: Wirtschaft und Politik müssen sich davor hüten, durch eine mangelhafte Sozialpolitik Situationen entstehen zu lassen, in der Menschen entwurzelt und deklassiert werden und in materielle Not geraten. Gerade solche Lebensbedingungen können Menschen dafür anfällig machen, ihr Heil in rechtextremistischen Ideen zu suchen und Sündenböcke unter den Schwächsten der Gesellschaft auszumachen, z.B. den Ausländern und Asylsuchenden. Was man nach dem 11. September letzten Jahres beobachten konnte, trug nicht unbedingt dazu bei, diesem Verhalten entgegenzuwirken. Meine Damen und Herren, was hier oben am Kirchberg vor 52 Jahren am Abend des 24. März 1945 geschah, als die Gestapo 12 Menschen ermordete, ist in dem Büchlein "3 Tage fehlten zur Freiheit" nachzulesen: Hier oben umgebracht wurden Rosa Bertram, Walter Hangen und Erich Salomon aus Worms, Gretel Maraldo aus Offenbach - sie wurde bei einem Fluchtversuch nahe der Ernst-Ludwig-Straße erschossen - , Lina Bechstein aus Kriegsheim bei Worms, Jakob Gramlich aus Bonsweiher im Odenwald, die beiden Franzosen Eugene Dumas und Lothaire Delaunay, der Niederländer Frederik Roolker sowie drei weitere, nicht identifizierbare Opfer. Diese 12 Ermordeten stehen stellvertretend für die Millionen von Opfer, die das Naziregime in den 12 Jahren seiner Schreckensherrschaft in Europa hinterließ - sie stehen für die deportierten und getöteten Juden, die ermordeten politischen Gegner, sie stehen für die ins KZ verschleppten Pfarrer und Mitglieder der Zeugen Jehovas, für die in Deutschland umgekommenen Zwangsarbeiter, für die ermordeten Sinti und Roma, für die Opfer in den von den Nazis besetzten Ländern. Seit einiger Zeit wird versucht, diese Verbrechen zu
relativieren, indem man sie in Bezug zu anderen Verbrechen stellt -
wir erinnern uns an die so genannte Historikerdebatte. Kann man die
50 Millionen Toten, die das Naziregime hinterließ, aufrechnen?
Wird dadurch ein Verbrechen weniger ein Verbrechen? Zum dritten: Kürzlich wurde versucht, das aggressive Verhalten eines jüdischen Talkshow-Masters - Michel Friedmann - als Ursache von neuen antijüdischen Ressentiments zu begründen - Jürgen W. Möllemann. Ich frage: Tragen beispielsweise die schwerwiegenden Spendenaffären eines Jürgen W. Möllemann, Roland Koch oder Helmut Kohl zu einem "Antideutschtum" bei? Meine Damen und Herren, wir dürfen es nicht zulassen, dass diejenigen Erfolg haben, die einen Schlussstrich unter die nationalsozialistische Geschichte unseres Volkes ziehen wollen oder Geschichtsfälschung betreiben. Was von 1933 bis 1945 geschah, ist ein solcher Kulturbruch, den wir wegen uns selbst nicht aus unserem Bewusstsein verdrängen dürfen. Veranstaltungen wie diese heute früh hier am Kirchberg tragen zu dieser wichtigen Erinnerung bei. Letzte Woche stand im Bergsträßer Anzeiger über die Gedenkveranstaltungen zur Reichspogromnacht: "Jugendliche gedenken anders, stellen sich nicht zwischen Ortsvorsteher, offizielle Redner und Senioren. Zu Hause, mit dem Tagebuch von Anne Frank auf dem Schoß, da fühlen Jugendliche das Mitgefühl. Beschäftigen sich im Stillen mit dem Schmerz, der Unterdrückung und dem Schreckensregime." Ich möchte keinem Jugendlichen vorschreiben, wie er sich mit diesem Teil unserer Geschichte auseinandersetzt. Allerdings meine ich, dass es sehr wichtig ist, unsere Haltung in der Öffentlichkeit in möglichst breitem Bündnis publik zu machen und durch vielfältige Veranstaltungen gegen Neonazismus und damit für eine menschliche demokratische Kultur zur Mitarbeit zu werben. Meine Damen und Herren, lassen Sie mich zum Schluss
noch einen weiteren Aspekt des heutigen Gedenktages ansprechen: Die
Gefahr eines Krieges gegen den Irak und eventuell weiterer Staaten.
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