| Peter E. Kalb zur Eröffnung der Ausstellung "Die Moderne: Entartete Kunst?" |
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Der verhängnisvolle Begriff geisterte aber schon viel länger durch die deutsche Gesellschaft. Nach der deutschen Reichsgründung von 1871, vor dem Hintergrund von Wirtschaftswachstum, entfaltete sich der politische und kulturelle Liberalismus.Der Historiker Dieter Langewiesche sieht den innersten Kern liberalen Denkens im 19. Jahrhundert in der Affinität zu Neuem, Erziehung zu Zukunft, Glaube an den Fortschritt zu mehr Freiheit, Recht und Vernunft. Aber gleichzeitig gefährdete die Moderne das gehütete Erbe der Klassiker. "Das Bildungsbürgertum sah sich allmählich in der Situation, dass nur noch Spezialisten, die Kritiker und die Künstler selbst, das Neue zu erklären vermochten, woraufhin die Norm ihrer Bildung und ihre Kompetenz in Frage gestellt waren. (Funkkolleg Moderne Kunst, 9/S. 57).Vor diesem Hintergrund fand die Formel der "Entartung" Anklang. Ein früherer Zionist, Max Nordau, veröffentlichte 1893 seine Vorstellung von "Entartung": alles Neue aus der großstädtischen Kultur galt ihm als psychiatrisch krank, als "Entartung" - es war also auszusondern. Leider muss ich mich aus Zeitgründen auf einige Stichworte beschränken. Die Hauptthese aber lautet: es ging um die Abwehr Moderner Kunst, um die Abwehr des Neuen als des Kranken.Der Ausgangspunkt ist eher im 19. Jahrhundert zu suchen, denn der Kampf um die Moderne Kunst durchzog die Weimarer Republik. Die Nationalsozialisten konnten dieses Thema aufgreifen und in ihre Form bringen. Zur Zeit wird in der Kunsthalle in Bremen (bis zum 26.
Januar 2003) die Ausstellung "Van Gogh: Felder: Das Mohnfeld und
der Künstlerstreit" präsentiert. Das berühmte Mohnfeld
entstand in St. Remy (Frankreich) und verursachte 1911 einen handfesten
Kunst-Skandal . Konservative, , akademisch ausgebildete Künstler,
an ihrer Spitze der Worpsweder Landschaftsmaler Carl Vinnen, protestierten
gegen die 30.000 Mark teure Neuerwerbung und machten in Leserbriefen
und dem umfangreichen Pamphlet "Protest deutscher Künstler"
mobil gegen die angebliche "Invasion französischer Kunst",
gegen den "Kehricht" aus französischen Ateliers, vor
allem gegen die "pathologischsten Bilder aus van Goghs Irrenhauszeit"An
diese und andere Auseinandersetzungen um die moderne Kunst bis zu Beginn
der 30er Jahre knüpfte die Schmähausstellung "Entartete
Kunst" ganz bewusst an. Atemberaubend ist die Entschlossenheit, mit der diese
Aktion ablief. Willrich konfiszierte zusammen mit dem Präsidenten
der Reichskammer für bildende Künste, Adolf Ziegler, Bilder
aus deutschen Museen ( die zum Teil auch als private Leihgaben dort
hingen). Vor und nach der Ausstellung in München 1937 wurden insgesamt
ca. 12 000 graphische Blätter und 5000 Gemälde und Bildwerke
entfernt. Adolf Ziegler, Präsident der Reichskammer der Bildenden
Künste in seiner Eröffnungsrede: "Wir befinden uns in
einer Schau, die aus ganz Deutschland nur einen Bruchteil dessen umfasst,
was von einer großen Zahl von Museen für Spargroschen des
deutschen Volkes gekauft und als Kunst ausgestellt worden war. Sie sehen
um uns herum diese Ausgeburten des Wahnsinns, der Frechheit, des Nichtkönnertums
und der Entartung. Uns allen verursacht das, was die Schau bietet, Erschütterung
und Ekel. In Durchführung meines Auftrages, alle Dokumente des
Kunstniederganges und der Kunstentartung zusammenzutragen, habe ich
fast sämtliche deutsche Museen besucht." Sie konnten in Deutschland nicht mehr atmen, flohen,
manche sahen den Selbstmord (wie Ernst Ludwig Kirchner 1938 in Frankreich)
als letzte Lösung, andere erhielten Mal- und Berufsverbot und malten
heimlich. Sie alle -und noch viel mehr- fanden sich 1937 in der Münchner
Schmähausstellung "Entartete Kunst". Diese Ausstellung,
die die Künstler bedrohte, war übrigens mit ca. 3 Millionen
Besuchern eine der erfolgreichsten Kunstausstellungen der Modernen Kunst
in Deutschland, die bis 1941 auch an anderen Orten in Deutschland, aber
auch in Wien, gezeigt wurde. Deutlich wird damit, wozu der durch Anordnung hervorgebrachte neue Menschentyp, der auch in der Kunst zu sehen sein sollte, gebraucht wird: das war das Personal für die Unterdrückung unserer Nachbarvölker. Hitlers Rede endete übrigens mit dem Satz: "Und wir werden dafür Sorge tragen, dass gerade das Volk von jetzt ab wieder zum Richter über seine Kunst aufgerufen wird". Höchst schwierig ist die Ausstellung unter dem Aspekt von "Widerstand" zu bewerten. Alle gezeigten Kunstwerke sind bis 1933 entstanden. Von Seiten der Künstlerinnen und Künstler können diese Kunstwerke nur schwerlich als Widerstand gegen das ns-Regime verstanden werden.Einzelne Künstler, wie zum Beispiel John Heartfield, mussten nach 1933 Deutschland verlassen, weil sie ihre Kunst aktiv als Mittel des Widerstands einsetzten. John Heartfield illustrierte schon unmittelbar nach seiner Flucht in die Tschechoslowakei die Titelseite der Arbeiter-Illustrierte-Zeitung" (AIZ) zum 10. Mai 1933. Nach 1945 finden sich aber ganz unterschiedliche Einschätzungen der Ausstellung "Entartete Kunst" in der Literatur:Die Rede ist vom "Sieg der Bilder" und vom "guten Gewissen Deutschlands in seinen dunkelsten Zeiten". Betont wird mit Blick auf die ausgestellten Künstler "ihre unversöhnliche Gegnerschaft zum Nationalsozialismus". Das ist sicherlich - mit Blick auf die Entstehungsdaten der Bilder - eine schwer belegbare Behauptung. Die andere in der Literatur diskutierte Frage beschäftigt sich mit der Motivation und Einstellung der Millionen Besucher. Sie kamen freiwillig.Wollten sie ganz bewusst - zumindest Teile von ihnen - die Kunst der Moderne sehen ? Suchten sie das Gegenbild zur alles dominierenden Nazi-Kunst ? Heartfield verwies darauf, dass die Räume der einen Tag vor der Ausstellung "Entartete Kunst" eröffneten Gegenausstellung mit Nazikunst leer blieben, während die Schmähausstellung "demonstrativ" zu diesem Zeitpunkt von 400 000 Menschen besucht wurde. Er sah darin einen Beweis für den Widerstand des Volkes gegen den Nationalsozialismus. Der emigrierte Kunstkritiker Paul Westheim in Paris
"betrachtete die unterschiedliche Besucherzahl als Zeichen eines
nationalsozialistischen Fehlschlags der Aktion gegen die Moderne".
Übrigens berichtete der "Völkische Beobachter" alle
14 Tage von Besucherrekorden der "Entarteten Kunst". Warum
wohl ? Die Überlegung hinter der Veranstaltung: die "Entartete
Kunst" , die Anprangerung der Moderne, wurde benutzt zur Einbürgerung
der NS-Kunst, die in der ersten "Großen Deutschen Kunstausstellung"
im Haus der Deutschen Kunst immerhin Hatte - aus Sicht der Nazi's - die Schmähausstellung
ihr Ziel erreicht ?
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